Fashion-Dialog: Welche Pflege braucht reife Haut?

Pflege für reife Haut - ein Interview

Ein Interview mit Irit Eser von “Irit Eser – Solutions for a Beautiful Life“

Heute geht es einmal nicht um Mode. Sondern um das, was unter der Mode stattfindet – oder darunter hervorschaut: die Haut. Und zwar speziell die reife Haut über 40, 50 und 60 Jahren. Diese hat so ihre Tücken und braucht besondere Aufmerksamkeit. Warum Sie sich um Ihre Haut kümmern sollten? Da Ihre Haut sehr viel mit Ihrer Ausstrahlung zu tun hat. Damit meine ich nicht den unrealistischen Traum, für ewig faltenlos zu sein. Vielmehr spreche ich von gepflegter Haut. Diese trägt erheblich zu einem gepflegten Gesamteindruck bei. Daher geht es heute um die richtige Pflege für reife Haut. Ganz nebenbei wird dabei mit ein paar Mythen aufgeräumt…

Dazu habe ich eine kompetente Gesprächspartnerin zum Interview eingeladen: Irit Eser vom gleichnamigen Blog iriteser.de.

Irit ist Jahrgang 1966 und ein echter Beauty-Junkie. Die zweifache Mutter von Töchtern im Teenageralter ist Diplom-Statistikerin – ein Beruf, den man nicht unbedingt mit den ganzen Tiegelchen und Töpfchen einer Beauty-Expertin in Verbindung bringen würde.

Mit einem gehörigen Forschergeist aber schon. Und so ist vor Irit seit Jahr(zehnt)en keine Cremetube, kein Serum oder sonstiges Helferchen aus der Beauty-Welt sicher. Auch die kleinsten Buchstaben von Inhaltsstoffen können sie nicht davon abschrecken, den Inhalt solcher Cremetuben genauestens unter die Lupe zu nehmen. Oft sogar im Selbsttest.

Seit 2010 hält Irit Eser ihre Erkenntnisse in einem Blog fest. Zuerst im Team als „FabForties“, später dann alleine unter ihrem eigenen Namen. Auf Ihrem Blog schreibt sie bevorzugt über „Lösungen für ein schönes Leben“ und meint damit Themen, wie Hautpflege, Makeup, aber auch weitere Dinge, die glücklich machen: Minimalismus, Bücher, Sport, Essen oder Schuhe.

Über ihre Einstellung zur Schönheit sagt sie selbst:

„Ich möchte gerne vergnügt 80 oder älter werden und nicht über die Probleme dieser Welt jammern. Das sieht man irgendwann im Gesicht. Und damit meine ich nicht die Falten, sondern den Gesichtsausdruck.“

Und daher ist das heutige Interview keine Sache für Frauen, die sich nach Ihren straffen, glatten 20er Jahren zurücksehnen. Sondern für Frauen, die ihrer zunehmenden Reife im Spiegel zuversichtlich – vielleicht sogar mit einem Lächeln? – begegnen und auch ein paar klare Worte dazu verkraften.

Beispielsweise über Cellulite. Die Preise von Beauty-Produkten. Was wirklich wirkt und was nicht. Und was Sie sich einfach sparen können.

Sind Sie dabei? Dann geht’s los.

Irit, wie kommt es, dass Du so viel über Cremes und deren Inhaltsstoffe weißt?

So um das Jahr 2002 herum habe ich zum ersten Mal das Buch von Paula Begoun gelesen. Den Titel „Don’t go without me to the cosmetic counter“ (aus dem Englischen frei übersetzt: „Gehen Sie nicht ohne mich in die Kosmetikabteilung“) habe ich verschlungen und war danach angefixt.

Denn ich begriff: Pickel und Unverträglichkeiten kann man mit der richtigen Pflege in den meisten Fällen vermeiden. Und Falten hinauszögern. Seitdem habe ich mir immer mehr angelesen. Erleichtert wurde meine Wissbegierde dadurch, dass es zwischenzeitlich auch immer mehr Informationen dazu im Internet gab.

Ich würde sagen, ich habe heute einen guten Einblick in das Thema. Aber das Feld ist so unglaublich groß, dass es auch nicht mehr sein kann – es sei denn man macht das im Vollzeitjob und mit mehreren Mitarbeitern.

Was fasziniert Dich so an Pflegeprodukten?

Dass man mit relativ wenig Aufwand eine unglaubliche Wirkung erzielen kann.

Der Aufwand für gute Hautpflege ist sowohl finanziell als auch zeitlich überschaubar. Meine Produktempfehlungen bewegen sich normalerweise zwischen 5 und 100 Euro und mit einem Zeitaufwand von jeweils 10 Minuten morgens und abends ist man gut dabei. Es geht natürlich immer mehr, aber das ist dann etwas für Pflegeverrückte wie mich.

Wer zum ersten Mal ein gutes Säureprodukt benutzt oder Retinol oder auch schlicht ein Produkt mit dem richtigen Fett- und Feuchtigkeitsgehalt, der wird staunen.

Außerdem war ich von klein auf ein Beauty-Junkie – witzigerweise hat meine kleine Tochter dieses Gen geerbt und mit ihren 13 Jahren mehr Makeup als ich.

Pflege für reife haut braucht nicht viel Zeit

Wie verändern sich die Bedürfnisse der Gesichtshaut in reiferem Alter? Welche typischen Alterserscheinungen gibt es?

Ach, da gibt es so viele! Die meisten werden das ja selbst kennen:

Die Haut wird schlaffer, verliert an Elastizität. Dafür ist der Abbau von Kollagen und Elastin verantwortlich. Das führt auch zur Faltenbildung.

Viele Frauen haben Pigmentstörungen, die hauptsächlich durch UV-Strahlung entstehen.

Aber auch die typischen Hamsterbäckchen unter dem Kinn sind eine häufige Erscheinung. Da rutscht schlichtweg das Unterhautfettgewebe dank Schwerkraft nach unten.

Darüber hinaus gibt es viele individuelle Veränderungen. Meine Haut ist beispielsweise feuchtigkeitsärmer geworden. Bei anderen wiederum wird die Haut trocken.

Die Einflussfaktoren sind vielfältig. Und zu guter Letzt macht sich dann auch noch in den Wechseljahren der abnehmende Östrogenspiegel bemerkbar.

Letztendlich ist jede Frau einzigartig – auch in der Hinsicht, wie ihre Haut altert.

Was kann ich noninvasiv – also ohne operativen Eingriff – wirklich gegen Falten tun? Gibt es wirklich Cremes, die Falten dauerhaft glätten oder aufpolstern?

Ja, gegen Falten kann man tatsächlich etwas tun. Es gibt Cremes, die Falten glätten. Diese sind allerdings verschreibungspflichtig. Das Zaubermittel heißt Vitamin A.

Das ist die ganze Palette von Retinoiden – das sind die verschreibungspflichtigen Inhaltsstoffe – bis hin zu Retinol, von dem man öfter auch auf einer Verpackung von nicht verschreibungspflichtigen Cremes und Seren liest.

Diese Wirkung ist übrigens mal zur Abwechslung keine Erfindung der Kosmetikindustrie. In den USA hat die Federal Drug Agency (FDA), die Zulassungsbehörde für Medikamente, das Retin-A als Antifaltenmittel zugelassen. Aber auch dort ist es verschreibungspflichtig.

Für den Anfang empfehle ich daher immer ein gutes Retinol-Produkt. Beispielsweise von Paula’s Choice – eine Marke, die ich sehr gut finde.

Oft hört man ja auch, dass reifere Haut mehr Fett oder Feuchtigkeit braucht. Was nun von beidem? Kann ich das selbst überhaupt erkennen?

Für Nicht-Profis ist das leider schwierig zu erkennen.

Aber es gibt Abhilfe. Und zwar ein tolles, kleines Gerät bei Amazon, das zuverlässig Fett- und Feuchtigkeitsgehalt der Haut misst und anzeigt. Damit ist es ganz einfach herauszufinden, zu welchem Hauttyp man gehört und die Pflege darauf abzustimmen: einfach messen.

Ich habe darüber mal einen Blogbeitrag geschrieben. Vielleicht interessiert das die ein oder andere Leserin hier?

Gut zu wissen: Dehydriert vs. trocken

Auch die Nägel und die Nagelhaut werden mit dem Alter trockener. Was kann man dagegen tun?

Meine Nägel waren im letzten Winter eine Katastrophe! Geholfen hat mir ein Lack namens Sililevo, in dem Kieselsäure und Schwefel enthalten sind. Der Lack zieht in die Nagelplatte ein. Nach drei bis sechs Wochen war das Thema bei mir erledigt.

Einige Leserinnen haben mir allerdings berichtet, dass es bei ihnen nicht so gut gewirkt hat. Einen Versuch ist es sicherlich wert.

Und was die Nagelhaut betrifft: Da bin ich selbst noch auf der Suche nach dem besten Mittel. Ich verbrauche mittlerweile deutlich mehr Handcreme als früher und creme auch immer schön die Nägel mit ein. Aber beim Effekt ist die Skala nach oben noch offen.

Was ist der beste Schutz gegen Pigmentflecken im Gesicht und auf den Händen?

Dafür gibt es nur einen Tipp von mir: Sonnenschutz. Sonnenschutz. Sonnenschutz. Und zwar mit einem hohen UVA-Schutz. Das ist das Einzige, was präventiv hilft – außer im Keller leben.

Das gilt umso mehr, wenn schon Pigmentflecken da sind. Besser wird es nämlich nicht mehr.

Braucht die Gesichtshaut wirklich jeden Tag Sonnenschutzfaktor 50, wie oft behauptet wird?

Ja, das wird nicht nur behauptet, sondern von Dermatologen empfohlen. Die meisten Leute tragen viel zu wenig Sonnenschutz auf – da nehme ich mich nicht aus.

Damit man wirklich SPF 50 bekommt, müsste man ungefähr einen Teelöffel voll auf dem Gesicht verteilen. Wie soll das bitte gehen? Ich nehme immer weniger. Aber über einen hohen Faktor bekommt die Haut für das tägliche Leben doch noch genug Schutz.

Ob man von der halben Menge auf den halben Sonnenschutz schließen kann, ist übrigens umstritten. Ich finde die Messmethode ohnehin ein ständiges Ärgernis. Die Sonnenschutzfaktoren sind nur aufgrund von Laborbedingungen entstanden. Mit dem wahren Leben und einer vernünftigen Menge hat das wirklich nichts zu tun.

Pflege für reife Haut - Markenprodukte

Es gibt so viele Pflegeprodukte auf dem Markt – welches ist nun das richtige? Das ist so individuell wie der eigene Stil, meint Irit Eser.

Gerade die Augenpartie ist sehr empfindlich und braucht Extra-Pflege. Bei mir zerläuft dann schnell das Augen-Makeup. Gibt es da einen Trick, dass das Augen-Makeup trotz Creme möglichst lange hält?

Erst einmal ist es wichtig, wirklich für den Tag geeignete Augencremes zu verwenden. Die superreichhaltigen Nachtcremes sind nicht für den Tag gedacht und man sollte sie nur über Nacht benutzen.

Ansonsten gehört die Augencreme unter das Auge und nicht auf das Augenlid. Das machen viele falsch. Ein gutes Produkt, wie mein Liebling von Instytutum, macht dem Augen-Makeup nichts aus.

Wer hingegen zusätzlich noch gerne die Augenlider pflegt, dem empfehle ich ein spezielles Augenserum, wie das von Korres oder Teoxane.

Ansonsten hilft es, wenn Du mit dem Make-up einfach ein bisschen wartest, bis die Creme vollständig eingezogen ist. Auch kannst Du vor dem Augen-Make-up rund um das Auge erst eine dünne Schicht Puder auftragen. Dann sollte es halten.

Von den Augen direkt zum zweiten Krisenherd reifer Haut: die Lippen. Gibt es spezielle Cremes gegen die kleinen Lippenfältchen rund um den Mund?

Ja, die gibt es. Allerdings muss ich bei den derzeit auf dem Markt verfügbaren Cremes zu hohe Erwartungen dämpfen. Denn die Wirkung ist hier eher temporär bis nicht wahrnehmbar.

Ich habe aber derzeit einen hoffnungsvollen Kandidaten im Test. Da zeigt sich auch tatsächlich eine Langzeitwirkung. Dafür ist eine speziell verarbeitete Hyaluronsäure verantwortlich. Die Pflege wird aber vermutlich erst im Dezember auf den Markt kommen.

Ich werde sicherlich im Blog darüber berichten, wenn es so weit ist.

Und noch eine heikle Zone in reiferem Alter: das Dekolleté. Mein Dekolleté ist nach einer Nacht in Seitenlage immer recht zerknittert. Kann man dagegen auch etwas unternehmen?

Auf dem Rücken schlafen (lacht amüsiert).

Alternativ gibt es recht große Silikonpflaster, die man über Nacht anbringen kann. Das hilft tatsächlich, weil die Haut nicht andauernd zusammengedrückt und gleichzeitig ein bisschen aufgepolstert wird.

Auch Cellulite nimmt im Alter überall zu: an Armen, Bauch, Po und Beinen. Können Creme-Massagen da überhaupt straffend wirken? Oder ist Muskeltraining doch das Mittel erster Wahl?

Ehrlich gesagt finde ich das Thema völlig daneben. Frauen haben nun einmal Cellulite, eine sinnvolle Einrichtung von Mutter Natur. So ist der Frauenkörper elastisch genug für eine Schwangerschaft und Geburt.

Und natürlich hilft keine einzige Creme gegen Fettzellen unterhalb der Haut. Diese darf ja gar nicht tief genug eindringen. Sonst wäre es ein Medikament. Das glaubt doch hoffentlich niemand mehr?

Abgesehen davon halte ich Krafttraining in jedem Alter für eine exzellente Idee. Das hält nicht nur fit und hilft gegen Osteoporose, sondern der Körper sieht einfach besser aus.

Pflege für reife Haut hilft nicht gegen Cellulitis

Auch häufiges Baden und Duschen trocknet die Haut aus. Wenn ich aber auf mein Entspannungsbad nicht verzichten möchte: Welche Zusätze gibt es, die meine Haut pflegen?

Da lautet mein Tipp: Auf keinen Fall etwas Schäumendes mit Tensiden nehmen! Lieber zu einem schönen Ölbad greifen.

Ich selbst bade allerdings nie. Zum Duschen mag ich auch am liebsten Duschöl – bevorzugt das Mandel- oder Karité-Duschöl von L‘Occitane. Das ist eine Wohltat für die Haut. Allerdings auch kein Creme-Ersatz, wie man fälschlicherweise vermuten könnte. Eincremen nach dem Baden und Duschen ist also trotzdem Pflicht.

Was ich mich häufig frage: Müssen Cremes teuer sein, damit sie etwas bewirken? Oder gibt es auch günstigere Alternativen?

Nein, Cremes müssen nicht teuer sein. Das beste Gegenbeispiel ist die Marke „The Ordinary“. Das sind extrem günstige Produkte mit wirksamen Inhaltsstoffen.

Ich würde im Normalfall von teuren Cremes – also solche, die mehr als 100 Euro kosten – sogar abraten. Die kommen meist in schönen Töpfen, was aber gar nicht gut für die Haltbarkeit der Inhaltsstoffe ist.

Es gibt so unglaublich viele Pflegeprodukte: Gibt es so etwas wie eine minimale Grundausstattung an Pflege, die jede reife Haut braucht?

Ja, so eine Grundausstattung gibt es. Für minimal halte ich eine vernünftige Reinigung des Gesichts am Morgen und eine Doppelreinigung am Abend. Am besten mit einem Reinigungsgel und abends ergänzt um ein Reinigungsöl oder Mizellenwasser. Danach trägt man tagsüber einen Sonnenschutz auf, nachts eine Nachtcreme.

Warum abends doppelt? Da ein Reinigungsgel allein nicht in der Lage ist, Makeup und einen modernen Sonnenschutz komplett zu entfernen. Dafür braucht man ein Reinigungsöl oder ein Mizellenwasser – ich bevorzuge letzteres.

Wenn es dann noch etwas mehr sein darf, dann würde ich über ein Produkt mit Retinol nachdenken – als Falten-Prophylaxe. Und über ein Serum für mehr Feuchtigkeit sowie mit Antioxidantien gegen schädliche Umwelteinflüsse. Und natürlich über eine Augencreme.

Darüber hinaus sind pauschale Empfehlungen für alle leider nicht möglich. Ebenso wenig wie meine Produktempfehlungen sicherlich nicht für alle gleichermaßen sinnvoll sind.

Im Prinzip ist Pflege nämlich genauso individuell wie Mode.

Das ist doch ein schöner Abschluss. Vielen Dank, Irit, dass Du uns an Deiner Erfahrung teilhaben lässt!

Ich denke, einige falsche Vorstellungen über Cremes und deren Wirkung wurden heute korrigiert. Und wer tiefer in das Thema Hautpflege einsteigen möchte, der ist auf Irits Blog sicherlich herzlich willkommen.

Vielleicht haben Sie ja auch die ein oder andere Anregung erhalten, sich noch einmal über Ihr persönliches Pflege-Konzept Gedanken zu machen. Genauso wie der persönliche Stil, verändern sich auch die Bedürfnisse Ihrer Haut im Laufe der Jahre.

Ich zumindest werde das Thema Retinol und Krafttraining im Auge behalten… Und ich habe gelernt, dass es mit Kosmetik genauso funktioniert, wie mit Mode: Sie brauchen nicht viel, aber eben das Richtige!

Besser als aufwändige und teure Pflege-Sessions (die uns in der Werbung ja förmlich aufgedrängt werden) sind tägliche Einheiten von 10 bis 20 Minuten – mit genau dem richtigen Pflegeprodukt für Ihren Hautzustand und Ihr persönliches Wohlgefühl.

Welche Tipps haben Sie für sich heute mitgenommen? Was gehört zu Ihren Hautpflege-Ritualen, auf die Sie nicht verzichten wollen? Ich bin gespannt.

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